Wegbegleiter - Abschied von Baldo

Ein Versuch das Unbeschreibliche in Worte zu fassen.

Baldo noch im Canile in Italien
Baldo noch im Canile in Italien

 

 

Nach der Adoption von Serafino wollten wir einem Hund den Weg in ein normales Leben ebnen. Es war uns eigentlich egal welchem Hund, und so bekam Baldo seine Chance.

Baldo hat Zahnschmerzen.
Baldo hat Zahnschmerzen.

 

 

Baldo hatte auf dem Foto so einen hoffnungslosen Blick. Mein erster Gedanke war: Den nimmt doch so schnell keiner. Dem geben wir eine Chance, dass er seine Menschen finden kann.

Baldo war unser erster Pflegehund und wir waren wirklich naiv. Wenn wir gewusst hätten, durch welche Tiefen wir gemeinsam gehen müssen, hätten wir ihn sicherlich nicht in Pflege genommen… Gut, dass wir nicht in die Zukunft sehen können. So haben wir viel voneinander gelernt und sind gemeinsam gewachsen.
Ankunft in Deutschland
Ankunft in Deutschland

 

 

Am 24.03.2007 haben wir Dich in Empfang genommen. Du warst viel zu dünn, wirktest etwas ungläubig und hast an der Leine versucht, Abstand zu uns Menschen herzustellen.

sichere Höhle
sichere Höhle

 

 

 

Du schienst nicht viel zu kennen, aber im Taxi hast Du Dich sofort wohl gefühlt. Ich sagte anfangs oft: Baldo kennt nichts außer Autofahren.

Du warst sehr gestresst, hast lange Zeit im Haus markiert und anfangs auch gekotet. Wir haben natürlich das Buch „Stress bei Hunden“ gelesen und versucht, alles so stressfrei wie möglich zu gestalten. Aber trotzdem kam es immer wieder mal vor. Das ging schon an meine Substanz. Irgendwann habe ich akzeptiert, dass das vorkommen kann und … es hörte auf.

 

Lektion 1 – Das Beste geben, Geduld haben und loslassen.

die ersten Spaziergänge
die ersten Spaziergänge

 

Geschirr anziehen, anleinen, spazieren gehen war alles total schwierig. Immer wenn Du körperliche Begrenzung spürtest (z.B. schon am Ende der Leine oder beim Hochheben), bist Du in Panik geraten. Du bist dann rumgesprungen wie ein Flummi oder hast Dich gewunden wie ein Aal.

 

Zuhause und draußen hast Du Dich sehr schnell an Serafino orientiert.

Uns wurde klar, dass Du unbedingt einen Hund an Deiner Seite brauchst, um Dich in Deinem neuen Leben zurechtzufinden.

 

Lektion 2 – Hunde brauchen positive Hundevorbilder.

Baldo, Serafino und Nelly
Baldo, Serafino und Nelly

 

Also machten wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Hund, der diese Aufgabe von Serafino übernehmen konnte. Serafino war ja alt und sehr krank und auch nicht besonders erpicht auf diese Aufgabe. In Nelly haben wir die perfekte Baldo-Nanny gefunden. Welch Glück für uns alle, denn ohne Dich hätten wir keinen 3. Hund aufgenommen. Und Nelly ist eine Traumhündin.

 

Lektion 3 – Es kommt immer anders als man denkt.

Einmal war ich mit Dir auf dem Weg zum Tierarzt und Du hast Dich in Panik aus dem Geschirr gewunden. Ich konnte Dich nicht mehr einfangen. Ich bin dann heulend nach Hause gefahren, um Nelly zu holen. Als Du Nelly bei mir gesehen hast, hast Du gewedelt wie ein Propeller. Du bist sofort zu uns gekommen und hast Dir das Geschirr wieder anlegen lassen. Von da an haben wir Nelly wenn möglich immer mitgenommen.

 

 

 

Du hattest es immer am liebsten, wenn alle beisammen waren.

Am besten hat es Dir im Wohnmobil gefallen. Alle(s) im Blick.

 

Wenn das Auto losfuhr, hast Du Dich mit einem Seufzer auf die Sitzbank fallen lassen und bist meist sofort tief und fest geschlafen. Unglaublich.

Wir glauben, dass Du wusstest, dass während der Fahrt keiner weg kann.

 

 

Die Sitzbank hast Du Dir erobert. Du bist immer wieder drauf und hast aus dem Fenster geschaut und so aus der sicheren Höhle die Welt beobachtet. Keine Chance, Dir auf einem anderen Platz dieses Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Also haben wir uns fortan die Sitzbank geteilt.

 

1x hast Du neben mir gesessen, hast mir tief in die Augen geschaut, bist mit Deinem Kopf langsam immer näher gekommen und hast Dich dann mit einem Seufzer auf meinen Schoß fallen lassen. Ich war total glücklich und hatte einen Kloß im Hals.

 

 

Im Wohnmobil hast Du zu uns viel näheren Kontakt aufgenommen als Zuhause. Nach ca. 3 Jahren hast Du Dich zu uns ins Bett getraut. Ich habe mich über diesen Vertrauensbeweis sehr gefreut.

 

In unserem ersten gemeinsamen Sommerurlaub hattest Du einen Streit mit Serafino. Damals hast Du auch noch das Wohnmobil bewacht.

 

Nachdem Nelly da war, bist Du jedem Streit aus dem Weg gegangen. Du hast die Verantwortung komplett an uns abgegeben. Da habe ich gelernt, wie groß die Verantwortung einer Führungspersönlichkeit ist und dass sie manchmal auch eine Last sein kann.

Mit wachsendem Vertrauen zu uns, konnten wir Dich auch immer häufiger ableinen. Das tat Dir so gut.

 

Aber es wuchs auch Deine Trennungsangst. Nach Serafinos Tod wurde es richtig schlimm. Im Urlaub bist Du erst aufgeblüht, aber zuhause kam das ganz große Tief. Da konnte Nelly Dir leider auch nicht helfen.

Du hattest Panikattacken, hast gezittert und riesige Pfützen gesabbert. Warst Du drinnen, wolltest Du raus, warst Du draußen, wolltest Du rein. Es gab ein paar Nächte, da habe ich insgesamt nicht mal 3 Stunden geschlafen.

Wir wollten Dich nicht draußen lassen, da es Winter war, aber drinnen wolltest Du auch nicht bleiben.

Der Fußboden war noch ziemlich neu. Jeden Tag, wenn ich heimkam, fand ich ein neues Desaster vor. Ich war mit meinen Nerven am Ende. Du hast mir leid getan, aber ich tat mir auch leid.

Immer wieder fragte ich mich, was wir noch verändern könnten oder ob du es woanders nicht besser hättest.

In dieser Phase hätte ich Dich gerne abgegeben, aber es wollte dich ja keiner haben!

Da waren Momente tiefer Verzweiflung und Stephan sagte irgendwann: „Ach Anja, es ist doch nur ein Haus.“ Er hätte Dich deswegen niemals woanders hingegeben. Für Stephan war immer klar, dass wir das gemeinsam meistern und dass es irgendwann wieder besser wird. Gibt es einen größeren Liebesbeweis?

Wir haben uns beraten lassen. Du bekamst TTouches, wurdest bandagiert und solltest lernen, leichten Frust auszuhalten.

 

Aber letztlich haben wir unseren eigenen Weg gefunden. Wir haben die Tür offen gelassen! Wohlgemerkt, es war Februar… Mit der Zeit wurde es besser.


Lektion 4 – Materielle Dinge sind nicht wirklich wichtig. Vertrau Deinem Gefühl.

Durch Deine Ausbruchsversuche hattest Du gelernt, Türen zu öffnen. 1x habe ich mich ausgesperrt und Du hast mir aufgemacht. Aber das klappte nicht immer. Als ich mich wieder einmal ausgesperrt hatte, warst Du damit zufrieden, mich draußen zu hören. Schade, aber ein gutes Zeichen. :o)

 

Eines Tages kamen wir nach Hause und trauten unseren Augen nicht. Die Tür zum Anbau war offen… Dort bewahren wir Leckereien wie Pansen auf. Die Pansentüte war geöffnet und leer. Du hattest die Tür geöffnet und dann haben Rosa, Nelly und Du den ganzen Trockenpansen vertilgt. Aber gesittet, jeder auf seinem Platz. Auf allen Liegeplätzen waren Krümel ohne Ende.

 

Lektion 5 – Trennungsangt war gestern, jetzt kommt Trennungsspass: Wir feiern eine Pansenparty. :o)

Entenbesuch
Entenbesuch

Aber Du hattest auch so viele gute Seiten. Du warst nicht angstaggressiv.

Ich hatte noch nie einen Hund, der keinerlei Jagdtrieb hat. Du warst unser erster Jagdhund und hattest keinerlei Jagdtrieb. Wenn die anderen auf Mäusejagd gingen, hast Du zugeschaut. Du hattest auch keine Ängste vor Kleintieren, die Du hättest jagen können. Sie waren Dir schlicht egal.

Schußangst? Ein Fremdwort.

 

Aber Deine Nase war ausgezeichnet. Keine läufige Hündin entging Dir. Und Du konntest riesige Müllbeutel in Sicherheit bringen und fachgerecht öffnen. :o)

Ich konnte mir gut vorstellen, dass Du ein Leben auf der Straße gemeistert hast.

Ich habe nie gesehen, dass Du einen Streit angefangen hast. Du gingst Auseinandersetzungen aus dem Weg. Wenn Liam sehr aufgeregt war, hast Du gaaanz ruhig beschwichtigt – Du warst immer auf Deeskalation bedacht.

 

 

 

Mit manchen Hündinnen und Welpen hast Du gespielt.

Dann warst Du ein ganz normaler Hund.

Überhaupt liebtest Du es ruhig, gemütlich, warm und weich. Deine Liegeplätze wurden immer dicker und weicher. Draußen war von Anfang an der „Sandstrand“ einer Deiner Lieblingsplätze.

Kälte konntest Du echt nicht leiden. Du liebtest es, in der Sonne oder vor der Heizung zu liegen. Am besten noch eingekuschelt in eine Decke. Du mochtest Deine Pullis und hast sie Dir auch zum Kuscheln geholt.

 

Lektion 6 – Hunde haben zwar Fell, aber manche Hunde brauchen Kleidung.

Das ganz Besondere an Dir war, dass Du alles von Hunden Deines Vertrauens gelernt hast. Du schautest in sicherem Abstand zu und hast das Verhalten bei Gelegenheit dann ausprobiert.
Von Nelly gelernt - ich trau mich was!
Von Nelly gelernt - ich trau mich was!

 

Über Nelly hast Du das Vertrauen in Menschen gelernt. Du hast Dir abgeschaut wie sie mit Menschen umgeht und immer mehr positive Erfahrungen gemacht. Dieser Prozess dauerte ca. 3 Jahre. Mit den guten Erfahrungen wuchs auch Dein Selbstvertrauen.

Von Rosa hast Du Dir das „Schnurren“ abgeschaut. Das machte sie immer, wenn sie gestreichelt werden wollte. Irgendwann hast Du auch damit angefangen.

Aber Du hast Dir auch Unsinn abgeschaut. Letztes Weihnachten hat Nelly Brot vom Rand eines Weihers geholt. Nelly konnte ich rufen, aber Du hast es Dir nicht nehmen lassen, ihr das nachzumachen. "Was Nelly kann, kann ich auch und das kann nicht schlecht sein."

Es kam wie befürchtet: Du bist eingebrochen. Und das in voller Montur, mit Pulli und Mantel. Du hast gejammert und versucht aus dem Loch zu klettern. Aber die Klamotten hatten sich vollgesaugt und mir war sofort klar, dass Du da nicht mehr alleine rauskommen würdest.

Ich habe Rosa und Nelly blitzschnell am Baum angebunden und bin in den Weiher, um Dich rauszuholen. Gott sei Dank kenne ich den Weiher gut und wusste daher, dass er am Rand relativ flach ist. Aber bis zum Bauch war ich auch nass. Also nichts wie heim, Klamotten runter, Hund fönen, zudecken mit einem Heizkissen und wieder aufwärmen. Wir haben es beide ohne eine Erkältung überstanden.

 

Durch Dich habe ich das Zitat von Antoine de Saint-Exupéry erst wirklich verstanden: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was Du Dir vertraut gemacht hast.“ Du hast mich gelehrt, dass Liebe bedingungslos ist.

Seit Du bei uns eingezogen bist, hattest Du leichte Probleme mit dem Laufen. Über die Zeit wurde das Laufen immer schlechter.

Ende 2009 wurdest du am Ellbogen operiert, aber so richtig gut wurde es auch danach nicht mit dem Laufen. Es waren einfach zu viele „Baustellen“: Arthrose, Kreuzbandanriss am rechten hinteren Knie, V.a. Tumor auf dem Plexusnerven vorne links.

Wir haben versucht, Dich schmerzfrei zu halten und wollten Dich begleiten, so lange Du magst.

 

Du warst immer ein schlechter Futterverwerter, brauchtest riesige Mengen Futter. Und Du warst ein richtiger Suppenkasper. Linsensuppe, Erbsensuppe und Kartoffelsuppe waren das Größte für Dich. Wenn Du keinen richtigen Appetit hattest, haben wir ein bisschen Suppe an das Futter dran gemacht.

In der Woche vor Deinem Tod wurde es dann immer schlechter. Du konntest fast gar nicht mehr laufen, aber Du wolltest immer noch mit. Also haben wir Dich in einem Fahrradanhänger geschoben, damit Du mitkommen konntest. Gefressen hast Du bis zum Schluss.

 

Vor dem letzten Wochenende wurde es dann ganz schlimm. Hochgehoben werden war ja eh schon schwierig für Dich. Aber dann fingst Du an zu weinen, wenn man Dich hob. Du hattest also dabei Schmerzen. Da wurde uns klar, dass wir nun am Ende unseres gemeinsamen Lebensweges angekommen sind.

 

 

 

 

Wir haben unsere Tierärztin angerufen und den Termin zur Einschläferung ausgemacht. Nelly ist am 22.08.2011 mitgekommen, so wie immer. Die Tierärztin hat Dich in unserem Wohnmobil einschläfert.

Nach der Beruhigungs- und Narkosespritze bist Du auf Deine Bank gesprungen und eingeschlafen.

Lieber Baldo,

wir hatten Dir nicht mal einen neuen Namen gegeben, da wir glaubten, dass Du ein Zuhause bei anderen Leuten finden würdest. In der ganzen Zeit gab es, glaube ich, 2 Anfragen. Irgendwann war es einfach zu spät für einen Umzug und einen neuen Namen. Du warst unser Baldo.

 

 

 

 

Baldo hat 4 Jahre und 5 Monate mit uns zusammengelebt.

Danke an Tierschutzverein "Hundepfoten in Not" für alles, was er für Baldo getan hat.

 

So wollen wir ihn in Erinnerung behalten.

Wollwerke

Anja Roßmann

Am Treutengraben 4
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